Natürliches Lernen

Kinder sind die nächste Generation und bilden die Gesellschaft von morgen. Wirklich kreatives Denken und innovative Gestaltungskraft sind eine Notwendigkeit für unseren Planeten. Kinder bringen ein Potential mit, das weit über das hinausreicht, was wir uns vorstellen können.

Den Begriff „Natürliches Lernen“ verwenden wir, wenn wir emergentes Lernen meinen, also ein Lernen wie „von innen heraus“. Kinder haben ja von Natur aus einen starken Drang „größer“ und selbstständiger zu werden, sich selbst und die Welt zu entdecken und in dieser Welt tätig zu werden. Gordon Neufeld beschreibt Emergenz als einen von insgesamt drei wichtigen Reifungsprozessen. Der Emergenzprozess befähigt das Kind, als eigenständige Persönlichkeit handlungsfähig zu werden und ein starkes Gefühl der Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Natürlich lernende Kinder im Sinne der Emergenz sind wissbegierig, wollen immer Neues kennenlernen und stecken voller Forscherdrang. Sie wollen für sich selbst denken, lernen aus eigenem Antrieb und fühlen sich verantwortlich für das, was sie tun. Sie erkennen Möglichkeiten und besitzen einen offenen und forschenden Geist.

Natürlich lernende Kinder folgen automatisch ihrem Potential. Das Potential oder Seelenpotential wird durch die innere Motivation und Begeisterung eines Menschen sichtbar. Egal, ob die (Lern-) Inspirationen von außen oder von innen kommen, entscheidend ist, ob der Organismus die Informationen aufnehmen möchte und sie in seinem Rhythmus weiter vertiefen, sich damit auseinander setzen und verdauen kann.

Für natürliches Lernen ist außerdem die Fähigkeit notwendig, mit Frustrationen umgehen zu können. Gordon Neufeld nennt dieser Reifungsprozess Adaption. Adaption kann übersetzt werden mit der Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Erlebt das Kind eine Frustration, d.h. dass etwas für das Kind nicht so funktioniert, wie es das möchte, kann es entweder aus diesem Erlebnis heraus nach neuen Wegen suchen oder die Vergeblichkeit darin emotional fühlen. Die Tränen der Vergeblichkeit oder das lösende Weinen lassen das Herz des Kindes wieder weich werden. Es lernt aus Fehlern und Niederlagen, kann Unangenehmes durchhalten und ist erfinderisch.

Auch die Fähigkeit zu sogenannten integrativen Denken und Fühlen ab dem Reifeschub zwischen 5 - 7 Jahren ist eine Bedingung, damit Kinder natürlich lernen können. Ein Kind kann immer mehr gemischte Gefühle und Gedanken haben, wie beispielsweise jemanden lieben und gleichzeitig auf ihn wütend sein, ohne sich in einer Perspektive ganz zu verlieren. Im Reifungsprozess der Integration beginnt ein Kind heraus zu finden, worin es einzigartig ist und was es von anderen unterscheidet. Dafür braucht es genug Schutz und Zeit um für sich allein und in einem kleinen Rahmen spielen und sein zu können. Erst dann ist es in der Lage, mit anderen zusammen etwas zu tun, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Kinder mit Integrationsfähigkeit übernehmen Vorgegebenes nicht einfach, sondern durchdringen verschiedene Widersprüchlichkeiten.

Natürliches Lernen ist zwar das natürlichste, was Menschen tun, es ist jedoch äußerst störanfällig. Wir berühren hier die grundlegend gesellschaftliche Problematik der höchst unnatürlichen Trennung von „Bildung und Erziehung“, Erziehung im Sinne von Bindung und Beziehung. Oft wird in gängigen öffentlichen wie auch alternativen Schularten auf die essentielle Bedeutung von Bindung nicht genug Wert gelegt. Eine warme Bindung, welche die Reifung und das Lernen der Kinder unterstützt, ermöglicht den Kindern sich geborgen, sicher und abhängig fühlen zu können. Kinder wurden historisch gesehen noch nie so früh und so lange von ihren Bindungspersonen getrennt wie heute. Sie verbringen viele, viele Stunden mit Gleichaltrigen, in einer Umgebung mit zu wenig einfühlsamen und beständigen Erwachsenen, sind großem Druck ausgesetzt in einer oft sehr lebensfremden und ihren natürlichen Bedürfnissen nicht entsprechenden Umgebung. Insbesondere in den ersten 6-7 Lebensjahren, einer Zeit emotionaler und sozialer Unreife, bedeuten diese ungeeigneten Lebensbedingungen für Kinder enorm viel Stress. Dieser Stress führt zu alarmierenden Symptomen körperlicher und emotionaler Art mit Langzeitfolgen.

Im öffentlichen Schulsystem besteht ein Großteil der Ausbildung von Lehrpersonen darin, Strategien zu lernen, Kinder und Jugendliche für vorbestimmte Inhalte zu motivieren und zu versuchen, die Lernprozesse zu kontrollieren. Das ist sehr anstrengend für alle Beteiligten. Wir arbeiten offensichtlich gegen den Lebensfluss. Außerdem sind Lehrpersonen damit konfrontiert, allfällige Bindungsprobleme der Kinder ohne eine konstruktive gemeinsame Auseinandersetzung mit den Eltern alleine zu managen. Dies haben sie in einem Setting, wo die Aufnahme tragfähiger Bindungsbeziehungen recht schwierig ist und welches stark gleichaltrigenorientiert ist zu bewältigen. Unter Gleichaltrigenorientierung verstehen wir das Phänomen, dass Kinder sich über die Peergroup mit Bindung versorgen, wenn ein geeignetes Beziehungsangebot durch erwachsene nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung steht.

Viele Kinder zeigen Auswirkungen, die durch Unwissen und Entwicklungstraumata durch uns Eltern zustande kommen. Kinder, welche beispielsweise die Symptome eines kindzentrierten Erziehungsstils zeigen, lassen sich oft sehr schlecht führen und fordern viel Aufmerksamkeit ein. Kleinste Frustrationen können viel Aggression und einen Zustand von Alarm auslösen. Wir beobachten, dass Kinder mehr mit Beziehungsthemen beschäftigt sind als damit, das Leben neugierig und emergent zu entdecken. Die Lehrpersonen fühlen sich im Laufe der Jahre erschöpft und ausgebrannt. In sogenannten freien Schulen erleben die Kinder zwar keinen Druck und werden nicht, oder weniger extrinsisch zum Lernen motiviert, jedoch werden dort die beschriebenen Merkmale gestresster Kinder oft noch offensichtlicher. Eine Ursache liegt oft in der im Konzept enthaltene Ablehnung von Führung.