Heilung

Es ist uns von TransParents ein Anliegen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie sehr wir in einem „Paradigma der Trennung“ leben. Wir meinen damit eine Art und Weise des (Zusammen-)Lebens die davon geprägt ist, dass uns die individuellen und kollektiven Entwicklungstraumata wie auch Schocktraumata im Wege stehen, bezogen im Hier und Jetzt mit dem Leben in Verbindung zu sein. Unter Entwicklungstrauma verstehen wir das Erlebnis, dass zwischenmenschliche Kernbedürfnisse wie das nach Kontakt, Einstimmung, Vertrauen, oder andere nicht, oder nicht ausreichend von unserem frühen Umfeld befriedigt werden konnten. Wir erlernten dann sogenannte „Überlebensstrategien“ um trotzdem emotional zu überleben, oft aber mit hohen Kosten.

 

Wo immer wir mit früherem, im weitesten Sinne traumatischem Erleben in Kontakt kommen, ist unsere Lebensenergie stark gehemmt. Es fällt uns schwer, aus einer inneren Freiheit heraus unser Leben zu gestalten, auch wenn es im Außen so aussieht, als würden wir uns weiterbewegen. Wir wollen durch das tiefere Verständnis der Auswirkungen von Entwicklungstraumata, die generationsübergreifend wirken, sichtbar machen, von wo wir herkommen und uns so auf den Weg zu machen, mehr Mitgefühl mit uns selbst zu entwickeln.

 

Einfach gesagt kommen unsere Kinder weitgehend frei von Trauma auf die Welt. Ihre Natur ist es, in Kontakt mit uns zu gehen, uns Bindung anzubieten. In diesem Sinne können sie uns zu Wegweisern werden in eine Zukunft, die uns aus dem Getrenntsein in eine Kultur der Verbundenheit führt. Gleichzeitig fordern sie uns gerade durch ihr Bedürfnis nach Verbindung enorm heraus, weil dies häufig unsere tiefsten Ängste in Bezug auf Nähe und Kontakt aktiviert. Wir werden in der Begleitung eines Kindes unweigerlich mit unserer unverdauten Vergangenheit konfrontiert. Wie viel Spannung und Fluchtbewegung taucht in mir auf, bloß durch den ganz alltäglichen Kontakt mit meinem Kind? Wie gut halte ich es aus, wenn es frustriert ist und mich „blöd“ findet? Wie hat mein Umfeld früher auf meine Frustration oder Wut reagiert? Habe ich früher tiefes Verständnis und Trost erfahren? Wie habe ich überhaupt „Erziehung“ erfahren? Die Kultur in der wir Leben ist sehr geprägt von den gesellschaftlichen Gewohnheiten im Umgang mit Kindern, die häufig nicht aus einer tiefen Verbundenheit und Wärme entspringen. Auch das Gesellschaftssystem und seine Organisationen sind davon geprägt. Schule zum Beispiel, aber auch das Rechtssystem um nur zwei zu nennen. Durch diese Gewohnheiten und Strukturen wird eine Kultur der Trennung aufrechterhalten und verstärkt. Dies macht es uns schwer, neugierig und bezogen im Hier und Jetzt auf die Herausforderungen des Lebens (mit Kindern) zu antworten. Es sieht zwar aus, als agierten wir im Hier und Jetzt mit unseren Kindern, in Wirklichkeit reagieren wir aber und sehen auf die Welt durch die Filter unserer Vergangenheit.

 

Wir glauben vielleicht „mein Kind braucht immer meine Zuwendung, sonst fühlt es sich alleine“ oder „mein Kind ist schwierig“. Dabei sehen wir aber nicht das Kind, sondern unsere gedankliche und emotionale Reaktion auf eine Situation, die uns mit unserer Vergangenheit in Kontakt bringt. Reifes Erwachsen sein heißt, dass wir mit Neugierde, Offenheit und Wohlwollen auf uns selber schauen, auch wenn das Leben uns herausfordert. Was genau bringt mich in Unruhe, wenn ich meinem Kind nicht permanent Zuwendung schenke? Was genau lässt mir mein Kind „schwierig“ erscheinen, wenn es bestimmte Verhaltensweisen zeigt? In dieser Art der Selbstbeziehung sind wir präsent, im Hier und Jetzt und bei uns selbst „zu Hause“. Wir verfügen über genügend inneren Raum, um uns selbst, unsere Kinder, andere Menschen und das Leben in uns abzubilden.

 

In der neueren Psychotherapie- und Traumaforschung gewinnen Entwicklungstraumata oder der Begriff „komplexe Traumata“ mehr und mehr an Bedeutung. Es wird uns möglich, immer tiefer zu verstehen, wie die beschriebene Kultur der Trennung entstehen konnte. Dr. Laurence Heller (NARM) ist dabei ein enormer Pionier und sein Beitrag ist von unermesslicher Bedeutung. Er hat eine Landkarte der Entwicklungstraumata und entsprechenden Überlebensstilen oder Adaptionsmechanismen sehr präzise anhand der nicht oder nicht ausreichend erfüllten Kernbedürfnisse beschrieben.
Er beschreibt, wie schwer oder unmöglich es für Menschen mit dem Kontakt-Überlebensstil ist, einen körperlichen und fühlenden Kontakt aufzunehmen oder überhaupt in Beziehung zu gehen. Er zeigt, wie schwer oder fast unmöglich es für Menschen mit dem Einstimmungs-Überlebensstil ist, zu sagen, was sie brauchen und warum sie sich dauernd in einem Zustand von Nie-genug-bekommen befinden. Für Menschen mit dem Vertrauens-Überlebensstil beschreibt er, wie schwer es ihnen fällt vertrauen zu können und sich in irgendeine Form von Abhängigkeit zu begeben. Für Menschen mit dem sogenannten Autonomie-Überlebensstil zeigt er, wie schwer oder fast unmöglich es für sie ist, in Kontakt zu bringen was sie wollen und sich in ihrem authentischen Selbstausdruck zu zeigen.

 

Wenn wir als Kinder mit dem was wir brauchen, wie beispielsweise Verbindung oder Trost, nicht landen können, beginnen wir zu protestieren. Wir zeigen damit, dass etwas für uns nicht in Ordnung ist. Den Stress der entsteht, wenn solche zentralen Bedürfnisse unerfüllt bleiben, können Kinder, insbesondere in den ersten Lebensjahren, nicht alleine bewältigen. Wenn es nach dem Protest keine Reaktion gibt, wird das Kind wütend und beginnt immer mehr und mehr Energie zu aktivieren. Wenn dieser hohe Stresszustand nicht beantwortet wird oder das Kind beschämt oder bestraft wird, bedroht dies das Kind existentiell; die enorme Spannung führt zum Kollaps. Die ursprünglich gesunde Protestenergie oder Wutenergie richten wir als Kinder aus Angst, die Bindungsbeziehung zu verlieren, gegen uns selber. Wir glauben dann, „ich bin falsch“ oder „meine Bedürfnisse sind zu viel“. Das ist in dieser Situation eine äußerst intelligente Überlebensstrategie. Wir können uns als Kinder in einer Situation, in der wir uns ganz „schlecht“ fühlen nicht als gut und richtig erfahren. Wir müssen immer die Bindungsbeziehung schützen, weil wir von ihr zu tiefst abhängig sind. Ohne Bindung können wir nicht leben. Bindung ist eines der heiligsten Gesetze des Lebens.

 

Ein Teil der Energie, die wir gegen uns richten wird toxische Scham (NARM) genannt und ist sehr schmerzhaft. Es gibt viele, viele weitere Überlebensstrategien wie beispielsweise, dass wir uns ständig Druck machen, die Erwartungen anderer Menschen erfüllen oder es allen recht machen zu müssen. Überlebensstrategien bestehen grundsätzlich aus einem Gemisch von Identifikationen, Körperzuständen und Bilder über uns Selbst und über Andere. Diese Bilder sind gekoppelt mit Gefühlen wie Trauer, Wut und Angst. Weil die toxische Scham so schmerzhaft ist und uns so richtig den Boden unter den Füssen wegzieht, sind solche scham-basierten Überlebensstrategien und Identifikationen oft überlagert mit stolz-basierten Strategien, wie beispielsweise diejenige, dass ich mich um alle kümmere oder diejenige, ein sehr rationaler Mensch zu sein. Die stolz-basierten Strategien sind noch viel schmerzhafter, weil darunter immer die Scham oder der Selbsthass liegen.

Jede innere Heilungsbewegung, in der wir wieder mehr in unseren ursprünglichen Lebensfluss einsteigen, hat riesige Effekte auf unsere Kinder, auf die gesellschaftliche Architektur und auf das Leben auf unserem Planeten. Kinder als Probleme zu betrachten und zu pathologisieren ist ein Ausdruck davon, wie sehr wir die Hierarchie des Lebens vergessen haben und uns unsere Verantwortung verloren gegangen ist. Wenn wir das Leben wieder tiefer in uns spüren und uns als Teil des Planeten und darüber hinaus empfinden, können wir keine Systeme und Spielregeln mehr kreieren, die zu so viel Leid und Getrenntsein führen, wie wir es heute in vielen Bereichen der Gesellschaft tun. Wie sehen denn lebensprozessförderlichen Systeme aus, zum Beispiel in der Bildung oder in der Wirtschaft?