Bindungsorientierung

Bindung ist für Säugetiere - und so für uns Menschen - wie das Wasser für den Fisch; ohne kann ein Kind nicht überleben. Wir sind nicht nur als Babys noch nicht genug ausgereift um ohne äußere Struktur einer Bindungsperson auskommen zu können, sondern auch noch als Kinder und sogar als Jugendliche und junge Erwachsene. Wir können zwar mit zunehmendem Alter überleben, jedoch bedeutet echte menschliche Entwicklung weit mehr als Überleben. Unser wahres Potential, in das wir gedacht sind uns als Menschen hinein zu entwickeln, ist unsere Verletzlichkeit, unser offenes und weiches Herz. Verletzlichkeit beschreibt den Zustand, in dem wir offen, fühlend und feinfühlend sind. Sie steht für unsere tiefste Menschlichkeit. Dass Verletzlichkeit oft als etwas Negatives betrachtet wird, ist eine sehr interessante Tatsache.

 

Bindung ist verkörperte Wärme und Geborgenheit. Die Wärme fließt zum Kind hin, ohne dass es dafür etwas tun muss. In dieser Wärme und Geborgenheit ruht und spielt es entspannt in seinem Sein. Muss es sich für diese Zuwendung und Wärme, von der es abhängig ist anstrengen, dann füllt sich sein Tank nicht wirklich auf. Die Bindung muss also vom richtigen Ort her kommen, von uns Erwachsenen. Hätten wir uns das nicht alle gewünscht, dass man sich einfach so für uns interessiert, ohne dass wir dafür etwas tun müssen? Wenn Kinder einfühlsam und eingestimmt in ihrem Wesen und in ihrem eigenen, individuellen Ausdruck Moment für Moment immer wieder neu gesehen und angenommen werden, bilden sich in den ersten sechs Lebensjahren ganz tiefe Bindungswurzeln. Die Erfahrung tiefer Bindung macht das Kind äußerst verletzlich, da es zuerst immer abhängiger von seiner nahen, vertrauten Bindungsperson wird.

 

Aus dieser geborgenen Abhängigkeit entsteht im Laufe des Heranwachsens erst echte Unabhängigkeit, eine Unabhängigkeit die in Beziehung ist. Die erfüllten Bindungsbedürfnisse (geborgene Abhängigkeit und tief gesehen werden) sind der Boden für Emergenz, die in jedem Menschen angelegt ist. Mit der Emergenz oder Neugierde verbunden ist das tiefe Bedürfnis eines jeden Menschen nach Eigenständigkeit und Individuation. Die Erfahrung der Eigenständigkeit und Wirksamkeit macht uns glücklich. Wenn wir als Kinder oder junge Erwachsene in unseren eigenständigen Erfahrungen viel Aufregendes erleben oder wir uns verängstigt fühlen, kommen wir gerne wieder zurück in den sicheren Bindungshafen und können unser System in der herzvollen Wärme regulieren. Dafür ist es für das Kind wichtig, dass es uns fühlen kann als „Fels in der Brandung“, was für unsere Gelassenheit steht und als „Leuchtturm“, was für unsere Klarheit und geborgene Alpharolle steht Es kann einfach landen, gehalten werden, erzählen und ungeeignete Erfahrungen ausagieren um von den Frustrationsenergien wieder in die Weichheit des Herzens zu finden.

 

Abhängigkeit haben viele Menschen in ihrer Kindheit als etwas zu tiefst Beängstigendes erlebt. Ob wir wollen oder nicht, wir sind per se abhängig von unseren Bindungspersonen. Waren diese Erfahrungen für uns ungeeignet, in dem wir beschämt, alleine gelassen oder emotional oder physisch verletzt wurden, wollen wir nie mehr an diesen Ort des scheinbaren Kontrollverlustes zurück. Der daraus folgende Versuch im erwachsenen Alter das Leben zu kontrollieren oder uns zu halten, ist sehr erschöpfend, aber auch sehr verständlich. Bindung legt also nicht nur die Basis wie wir als Erwachsene mit anderen Menschen in Beziehung sind, sondern auch, wie wir uns generell auf das Leben und die Ereignisse des Lebens beziehen. Des Weiteren legen unsere Bindungserfahrungen die Basis dafür, wie wir als Erwachsene mit uns selber in Beziehung sind. Die Erfahrung, durch unsere Eltern tief in unseren Kernbedürfnissen und unserem Wesen gesehen zu werden, lässt uns auf uns selbst mit Wärme und Neugierde schauen.

Nur Bindung autorisiert uns den Kindern gegenüber Führung zu übernehmen und ihnen Orientierung zu geben. Ohne Bindung sind wir nicht befugt. Viele Probleme mit Kindern finden ihren Ursprung in der Bindung. Diese ist sehr verletzbar und für die Kinder eine kritische Bedingung ihres Lebens. Mauricio Wild sprach von der „äußerst kritischen Beziehung“, der Eltern zu ihren Kindern. Als Eltern haben wir einen unheimlich großen Einfluss auf unsere Kinder, weil sie so ganz abhängig von uns sind. Sie von Beginn ihres Lebens an als eigenständige Wesen wahrzunehmen und zu respektieren bedeutet, ihnen neugierig als „absurde, andere Universen“ zu begegnen. Es ist das Gegenteil dessen, Kinder als die Verlängerung unserer Selbst, unserer Wünsche oder als unsere Projektionen zu sehen.